Lido di Venezia - Das andere Venedig

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    Möwe 69 ist scheinbar etwas Besonderes. Zumindest ist sie besonders frech.

    Von ihrem Sitzplatz auf einer Holzstütze in der Lagune beobachtet sie uns, seitdem wir eine kleine Pause auf unserer Radltour auf dem Lido machen. Ihre Kolleginnen auf den anderen Pfählen verhalten sich ganz normal: sie fliegen auf, jagen im Wasser nach Fischen und kommen wieder zu ihrem Pfahl zurück. Nur Möwe 69 nicht, sie bleibt sitzen und hat uns im Auge. Wir packen eine kleine Brotzeit aus, die uns im Hotel Pannonia liebevoll zusammengestellt wurde - heißer Kaffee aus der Thermosflasche und einige gefüllte Teilchen, die sich hier „Brioche“ nennen und die jeder Italiener zusammen mit einem Cappuccino in seiner Lieblingsbar frühstückt. Nun, auch italienische Möwen stehen auf dieses Gepäck, in einem unaufmerksamen Moment schwebt Möwe 69 heran und entführt den kleinen Rest meines Gebäcks, fliegt zurück auf ihren Pfahl, grinst uns nochmal schelmisch an und verspeist die geklauten Brocken - es sei ihr gegönnt.

    Der Lido di Venezia ist eine lange Nehrung, die zusammen mit der Insel Pellestrina die Lagune von Venedig gegen die Adria abgrenzt. Es ist die grüne Gartenstadt von Venedig, ehemals beliebter Aufenthaltsort der Reichen und Schönen, die zwischen den Weltkriegen in den Hotels „Excelsior“ und „Des Bains“ residierten. Aus Thomas Mann, der Weitgereiste, war hier und ließ sich zu seinem Roman „Tod in Venedig“ inspirieren: ...dieser Anblick sinnlich genießender Kultur am Rande des Elements und erfreute ihn wie nur je. Schon war die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern, bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschränkt, auf den Sandbänken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden saß, gab es spielende Bewegung und träge hingestreckte Ruhe, Besucher und Geplauder, sorgfältige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoss...

    Ja, während der Sommermonate ist es am langen Sandstrand des Lido noch heute so: Kinder plantschen im flachen Adriawasser, Mütter und Väter liegen am Strand und sehen ihrem Nachwuchs zu, die Nacktheit hat eher zugenommen, nur die morgendliche Eleganz, die der Dichter noch kannte, hat sich im laufe der Zeit verloren. Auch das elegante Hotel „des Bains“ ist geschlossen, die Zeit für Grandhotels ist am Lido nun vorbei. Das Excelsior, ehemals nicht weniger elegant, lebt besonders von den Filmfestspielen, der Bienale, auf dem Lido, der alljährlich im September wieder den Hauch der großen weiten Welt auf den Lido bringt und dann dem Casino und dem Palazzo del Cinema, jenem faschistischen Prachtbau aus dem Jahre 1937, neues Leben gibt - für 14 Tage.

    Danach, im Herbst, und auch im Frühjahr herum, ist es auf dem Lido richtig gemütlich. Alle Geschäfte haben geöffnet, die Restaurants, im Sommer über voll und laut, bieten keine „Menu turistica“ an, sondern präsentieren wieder die Küche des Veneto mit viel frischem Fisch und Meeresfrüchten. In den Cafe‘s an der Viale Santa Maria Elisabetta - dem Zentrum des Lido im Norden, sind Plätze frei, der bestellte Cafe Coretto kommt schnell und heiß, die Sonne wärmt angenehm, ohne heiß zu sein, es ist der ideale Ort für einen gepflegten Urlaub.

    Dies macht auch der Charakter des Orte aus. Begründet in einer Zeit, als es noch en vogue war, Villen in große, üppig bepflanzte Gärten zu bauen, fühlt sich der Gast eher in einer gepflegten Vorstadt, deren Häuser viele Merkmale des Historismus und des Jugendstils aufweisen.Als ein besonders schönes Beispiel sei hier das Hotel Ausonia Palace genannt, direkt an der Viale St. M. Elisabetta gelegen. Diese Straße führt quer über die Insel, vom Anleger der Wassertaxi aus Venedig hinunter zum Strand, direkt zum öffentlichen Strandbad.

    Hotel Ausonia auf dem Lido Bild: Gottfried Pattermann

    In den Seitenstraßen finden sich immer wieder schöne alte Villen, an jeder Straßenkreuzung gibt neue Blicke auf die oft im Grün der Gärten versteckten Villen.

    Auch wir wandern durch die kleinen Straßen, suchen und finden immer wieder Jugendstilvillen und stehen dann plötzlich vor einem langen Kanal, der uns den Weg abschneidet. Links wie rechts sehen wir in einiger Entfernung Brücken, doch wo wir stehen, gibt es keine Möglichkeit, hinüber zu gelangen. Also links ab, immer in Richtung Lagune. Hier heißt die Straße „Riviera die Santa Maria Elisabetta, die uns direkt zur Kirche St. Nicolo bringt. Die Kirche und das daneben liegende Kloster gehen auf des Mittelalter zurück, sie wurden im 17. Jahrhundert stark verändert. Das Gotteshaus ist dem heiligen Nikolaus geweiht, dem Beschützer der Seefahrer. Die Legende erzählt, das Teile des Skeletts, das 1087 aus der Türkei nach Bari gebracht wurde, hier unter dem Altar bestattet wurden. Im Kloster, in dem sich heute eine Universität befindet, gibt es einen schönen Kreuzgang.

     

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