Val Müstair - von Klöstern und Bären, Schotten und Ziegenkäse

 

Im Val Müstair Bild: Gottfried Pattermann

Es ist schon ein besonderes Tal, dieses Val Mustair im schweizerischen Kanton Graubünden. Hier steht eines der ältesten Klöster des Alpenraumes - das Kloster Müstair, das der Legende nach von Karl dem Großen gegründet wurde, als er, von Rom kommend, über den Umbrailpass nach Norden, nach Deutschland zog. Es liegt direkt an der Grenze zu Italien, nach Meran kommt man schneller als nach Chur, der Kantonshauptstadt, und doch ist es urschweizer Gebiet. Der Schweizer Nationalpark grenzt direkt an das Tal und macht damit das Tal zu einer ökologischen Schutzzone, in der die Landwirte nach besonderen Regeln wirtschaften müssen. Und hier befindet sich die kleinste Whisky-Bar der Welt - gut sortiert und vier Quadratmeter groß, das kleine Museum dazu befindet sich in einem ehemaligen Pferdestall, direkt darunter. Ja, es ist schon ein besonderes Tal, und so sind auch seine Bewohner.

Müstair

Die kleine Pforte führt von der Straße auf den Gottesacker. Auf einer Wiese Grabsteine und gepflegte Gräber, dahinter die Kirche mit ihren drei frühromanischen Apsiden. Es ist noch sehr früh am Tag, Stille liegt über dem Ort und dem Kloster. Im Schatten einer Linde, die mitten auf dem Friedhof steht, eine hölzerne Bank. Im Geäst begrüßt ein Vogel den Tag, Bienen summen. Es scheint die Zeit still zu stehen. War es schon so vor 1200 Jahren, als das Kloster im Auftrag von Kaiser Karl dem Großen erbaut wurde? Stand schon damals hier ein Baum, der einem Wanderer auf dem Weg zu den Pässen Schatten spendete? Vom Turm klingt der Stundenschlag, es ist die sechste Stunde des Tages. Über den Friedhof kommt eine Frau in Ordenstracht auf mich zu. “Sind Sie Herr Pattermann?” Freundlich begrüßt mich Schwester Waltraud Ich hatte die Erlaubnis, beim Morgengebet der  Benediktinerinnen dabei zu sein. Sie begleitet mich in die Kirche. Die schwere Holztüre schließt sich mit einem dumpfen Laut, in der Kirche ist es dunkel, nur langsam gewöhnen sich meine Augen an das matte Licht, das die Morgensonne durch die schmalen Fensteröffnungen schickt. Sechs gewaltige Säulen tragen ein bunt bemaltes, hohes Gewölbe, feine Rippen, die sich immer wieder kreuzen, gliedern die Decke in unzählige Felder. Auf dem Altar brennen Kerzen. Erst jetzt erkenne ich die bunten Malereien, die die Wände bis hinauf zum Gewölbe bedecken. In frischen Farben, als ob der Maler erst vor kurzem seine Pinsel abgesetzt hätte, erzählen sie Geschichten aus der Bibel. Still setze ich mich in die hinterste Bank, denn aus einer Türe, die zur Klausur führt, kommen die Nonnen in die Kirche. Auch diese Szene ist irgendwie zeitlos, schon vor 800 Jahren feierten hier die Benediktinerinnen ihre Morgenandacht und beteten mit den gleichen Worten.
Später besuche ich die Kirche noch einmal, alleine und sehe mir die alten Fresken genauer an. In der Mitte thront Christus in der Mandorla, darunter Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers. Auch die übrigen Wände sind bis unter das Gewölbe mit den Fresken aus der karolingischen Zeit bedeckt. Vor 1200 Jahren wurden diese Bilder gemalt und haben von ihrer Kraft kaum etwas verloren. Als ins Kloster Benediktinerinnen einzogen, um das Jahr 1200 herum, wurde die Chorpartie mit neuen, moderneren Fresken überzogen. Das Fresko über dem Altar, das Mahl des Herodes, leuchtet noch immer, als wäre der Künstler gerade erst fertig geworden. Im frühen Mittelalter war die Kirche mit einer flachen Holzdecke versehen, wie so viele romanische Kirchen. Damals reichten die Malereien bis hinauf zur Decke.

Im 16. Jahrhundert erhielt das Gotteshaus sein spätgotisches Gewölbe, die Malereien im oberen Bereich der Wände wurden zerstört, die alten karolingischen Malereien „modern“ übermalt, schließlich verschwand alles unter liebloser weißer Farbe. Doch oben, im unzugänglichen Dachstuhl, haben sich die frühmittelalterlichen Fresken erhalten, 1896 wurden sie wieder entdeckt und freigelegt.
Neben der Kirche besuche ich noch das Museum des Klosters. Im Planta-Turm, einem Wohnturm aus dem 10 Jahrhundert, wurde ein kleines Museum eingerichtet, das Gegenstände aus dem Klosterleben, die Zelle einer Priorin und, unten im Gewölbekeller, Reste des Karolingischen Lettners der Kirche enthält. Der Turm wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut und zeigt in verschiedenen Räumen den Baustil verschiedener Epochen, er verfügte sogar über eine Abortanlage, ein besonderer Luxus in jener Zeit.
Draußen, vor den Klostermauern, empfängt mich wieder der Lärm der modernen Zeit. Jetzt, am späten Vormittag, herrscht reger Verkehr auf der Straße, die vom Vinschgau herauf weiter zum Ofenpaß führt.

Am Ofenpass

Der gelbe Postbus fahrt langsam durch die letzte Kurve vor der Passhöhe, der Diesel brummt gutmütig, als wenn er genau wüsste, dass die Schinderei nun vorbei wäre. Oben, neben dem Hospiz auf 2149 Meter Höhe, ist die Haltestelle, und mit einem Zischen, das wie ein Seufzer der Erleichterung klingt, hält der Bus an. Die Strauße über den Ofenpass ist die einzige Strassenverbindung vom Münstertal nach Graubünden und der Schweiz. Und der gelbe Postbus, der mehrmals täglich zwischen Müstair und Zernez im Inntal pendelt, ist die einzige Verbindung, im Sommer wie im Winter.
Weit geht der Blick von der Paßhöhe aus. Das ganze Tal liegt einem zu Füßen, das Ortlermassiv als Begrenzung im Osten. Nur Müstair selbst ist hinter einer Bergflanke verborgen. Die Passstraße führt mitten durch den Schweizer Nationalpark, bisher der einzige des Landes. Er wurde am 1. August 1914 gegründet, um die wilden, unberührten Täler rund um den Ofenpass unter Schutz zustellen. Nach mehreren Erweiterungen umfasst er heute eine Fläche von rund 172 Quadratkilometern. Es ist ein Gebiet, das möglichst von Beeinflussungen durch den Menschen freigehalten werden soll. Es herrscht strenges Wege-Gebot, und nicht alle Täler und Gipfel sind für Wanderer erschlossen.

Vier Orte hat das Tal, dazu kommen viele weitverstreute Höfe und Almen. Von der Paßhöhe windet sich die Straße in vielen Kurven und einigen Kehren, immer begleitet von windzerzausten Kiefern, die hier Arven genannt werden, hinunter nach Tschierv, dem ersten Ort hinter der Paßhöhe. Tschierv bedeutet auf rätoromanisch Hirsch, zurecht, denn das Gebiet rund um den Ort galt als besonders wildreich. Auch heute können noch viele Wildtiere beobachtet werden. Tschierv ist auch Ausgangspunkt von Wanderungen auf den Spuren der Bären, ein besonderes Erlebnis für Große und Kleine Wanderer. Ein anderer Wanderweg zum Thema Bären führt vom Ofenpass bis Lü und weiter nach Tschierv. Auch im nächsten Dorf, in Fuldera, gibt es einen Bärenwanderweg. Fuldera liegt in mitten von Lärchen- und Erlenwäldern auf einer weiten Ebene. Die Straße macht einen respektvollen Bogen um das Dorf, in dem noch viele der alten Bauernhäuser im Engadiner Stil erhalten geblieben sind. Sie sind mit ihren Sgraffito-Malereien das Wahrzeichen des Ortes. Einige Kilometer weiter und 200 Meter tiefer liegt Valchava, ein kleines und schmuckes Bauerndorf, dessen barocker Kirchturm den Reisenden auf der Hauptstraße zuzuwinken scheint. Hier befindet sich das Talmuseum “Chasa Jaura Valchava”, das die oft harte Lebensweise der Talbewohner, der Jauer, in vergangener Zeit in recht anschaulicher Weise zeigt. Das Bauernhaus stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist eines der ältesten des Tales
Der Hauptort des Val Müstair ist Santa Maria. Hier zweigt die Straße über den Umbrailpaß ins Veltlin ab, eine uralte Straßenverbindung von der Handelsstädten der Lombardei nach Mitteleuropa. Der Reichtum, den der Handel in den Ort brachte, zeugt sich noch heute an den vielen Malereien, die die alten Häuser zieren. Hier geht es zuweilen recht eng zu, oft ist zwischen den alten Häusern nur wenige Meter Platz für den Verkehr. Mit seinen schönen Hotels und den guten Einkaufsmöglichkeiten ist Santa Maria ein guter Ort, die Schönheiten des Münstertales kennen zu lernen.

Ziegenkäse aus Guad

Oberhalb von Santa Maria ducken sich einige Häuser am Waldrand, saftige Wiesen umgeben die Höfe. durch das tiefe, manchmal dumpfe Läuten der Kuhglocken mischt sich immer wieder ein hellerer Ton. Auf der Weide grasen Kühe, wie wir es in der Schweiz auch erwarten, doch dazwischen laufen Ziegen umher. Es ist das Reich von Kathrin Pauraria, die auf Ihrem Hof zusammen mit Ihrem Mann Urs Ziegenkäse herstellt. Klein ist die Käserei, doch der Käse ist großartig. Das Angebot recht von einem halbfesten Schnittkäse über in Öl eingelegte Käsebällchen bis zum Ziegenfrischkäse. Natürlich muss ich das sortiment durchprobieren, zusammen mit dem frischen, selbstgebackenen Brot ist das eine ganz köstliche Mahlzeit.

Schotten im Münstertal

Es ist Abend geworden, in Sta.Maria gehen die Straßen-Laternen an und ich warte. Es soll hier die kleinste Whisky-Bar der Welt geben, so das Guinness-Buch der Rekorde, und die möchte ich besuchen. Bei meinem Spaziergang durch den kleinen Ort habe ich nichts davon gemerkt und jetzt bin ich schon gespannt, wo die denn sein soll.
Einige Minuten später und genau zur verabredeten Zeit kommt ein Schotte auf mich zu, mit Kilt und vollem Ornat. Schotten im Münstertal? Es ist Gunter Sommer, Inhaber und Betreiber der Bar und eines kleinen Museums über Whisky. Er führt mich die Hauptstraße hinauf und an der schmalsten Stelle stehen wir vor einem Eingang, einem typischen Kellereingang, der bei allen Enga-diner Häusern so typisch ist. Nicht so typisch ist, was sich dort befindet: In dem kleinen, gewölbten Raum, der zu früheren Zeiten einmal ein Pferde-stall gewesen ist, hat Gunter Sommer allerlei Kurioses rund um schottischen Whisky zusammengetragen. Und er weiß darüber ein Menge zu erzählen. Vom schottischen Whisky, von Brennereien und den vielen Sorten, die in Schottland hergestellt werden. Darüber vergeht die Zeit wie im Fluge. Aber wo ist denn nun der Whisky? Hier im Museum sind die Flaschen alle leer. “Gehen wir nach oben”. Und dann stehe ich davor. Fünf Stufen führen hinauf zu einer einfachen Holztür und dahinter - ein Raum, rund drei mal drei Meter klein, ein eckiger Tresen und vier Barhocker. Darüber, auf vielen Regalen, die Schätze, die er hier ausschenkt. Rasch stehen die ersten Gläser auf dem Tresen, ein spezieller Single Malt Whisky mit sehr heller Farbe und einem köstlichen Aroma. Vorsichtig träufelt Gunter Sommer einige Tropfen Wasser aus einer Pipette in mein Glas. “Das Wasser bringt den Sauerstoff ins Glas” so erklärt er mir. . Mit den Händen erwärmen wir das bauchige Glas Dann der erste Schluck, der milde und doch intensive Geschmack überrascht mich. “Ja, das ist Whisky” meint nur lapidar Gunter Sommer. Er lacht und klärt mich auf über Whisky, den er anbietet und Whisky, der im Supermarkt zu bekommen ist. “Das alles taugt nichts” meint er etwas kategorisch. Ich bin in Versuchung, ihm hier zuzustimmen. Ein weiteres Glas, diesmal ein Whisky mit einer dunklen Farbe. Eine andere Marke, eine andere Distillerie, rauchig, voll und voller Geschmack. Wir haben an diesem Abend noch einige Sorten durchprobiert. Die Bar war sehr gut besucht und mit 6 Gästen auch voll besetzt. Zum Schluss bringt er noch eine ganz besondere Spezialität: Swiss Highland Whisky, hergestellt mit Schweizer Gebirgswasser, 59 % Alkohol, dunkel in der Farbe und schön rauchig. Auch darüber weiß Gunter Sommer eine kurzweilige Geschichte zu erzählen. Ein schöner, langer Abend, und zum Glück liegt mein Hotel genau auf der anderen Straßenseite.

 

 

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