Dänemark

    RAD-Land Dänemark

    Ein früher Morgen in Kopenhagen im Frühsommer. Tausende Fahrräder wuseln auf der

     

    RAD-Land Dänemark Bild: Jürgen Mees/pixelio.de

    Vesterbrogade Richtung Innenstadt, Rathausplatz und Einkaufsmeile Strøget. Das gleiche Bild auf der Langebro: Auf der Brücke über den Hafen zwischen Altstadt und der Insel Amager pendeln modisch gestylte Bänker und Beamte neben Jeans bekleideten Studenten und Lastenrädern voller Kinder hinüber zu Arbeitsplätzen in Ministerien, Unternehmen und Universität. Offizielle Zahlen bestätigen den subjektiven Augenschein: Die Dronning Louises Bro unweit der Altstadt überqueren täglich 36.000 Radfahrer – das haben automatische Fahrradzähler errechnet. Damit nimmt die Brücke Platz eins der meist befahrenen Fahrradstrecken ein. Kopenhagen hofft damit auf einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde.  Rund 35 Prozent der Kopenhagener radeln täglich zu Arbeit oder Ausbildung. Vor vier, fünf Jahren lag ihre Zahl sogar schon bei 37 Prozent – ein Tribut an die letzten beiden langen sowie kalten und schneereichen Winter, die selbst wettergewöhnte Dänen überraschte. Doch ihre Zahl soll wieder steigen. Deutlich steigen.

    Mit der jetzt von der Stadtverwaltung beschlossenen "Radstrategie" möchte Kopenhagen den Weltrekord beim Radtransport erreichen: 2025 soll die Hälfte aller innerstädtischen Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Ein hochgesteckte Ziel, selbst für eine Metropole, die die Internationalen Radsport Union (Union Cycliste Internationale) schon vor vier Jahren als erste Stadt der Welt zur „Bike City“ ernannte. "Man muss Ambitionen haben, sonst erreicht man nichts", zeigt sich Anders Røhl optimistisch. Als zuständiger Leiter des Radsekretariats der Kommune Kopenhagen für Technik und Umwelt steht der Planer als eine treibende Kraft hinter den Kopenhagener Initiativen von Innovationen zur Förderung des Radverkehrs.

    Zentrale Punkte der "Radstrategie" sind der Neubau sogenannter Fahrrad-Autobahnen, die schon Ende vergangenen Jahres international für Furore sorgten, aber auch der von ”grünen" Radwegen sowie traditionellen Radwegen an wichtigen Straßen. Insgesamt 26 der dänisch "Cykelsuperstier", also Superradwege genannten Trassen sollen Kopenhagen mit einem 300 Kilometer umfassenden Netz für Biker erschließen. Zum Vergleich: 100 Jahre baute Kopenhagen am heutigen Radwegsystem von 390 Kilometern.

    Die Superradwege also nur ein Fernziel? Nein, sagt Anders Røhl, erste Schritte seien bereits nach wenigen Monaten verwirklicht: "Wir haben erste Grüne Wellen für Radfahrer geschaltet. Wir haben an Kreuzungen und Ampeln Fußhalter installiert, so dass Radfahrer bequem stoppen können, ohne die Füße ganz bis auf den Boden zu setzen. Und an vielen frequentierten Verkehrspunkten halten Radler jetzt vor den Autos, sind also besser sichtbar und können bevorzugt weiterfahren."

    Alles Punkte, die die zentralen Anstrengungen der Kopenhagener Radpolitik berühren: Sicherheit und Komfort für Rad-Pendler. Nur so, sagt Anders Røhl, könne man noch mehr Menschen zum Umstieg von Auto aufs Rad überzeugen. Im Fokus haben die Verantwortlichen dabei vor allem diejenigen, die Strecken zwischen fünf und 20 Kilometern zurücklegen. Immerhin entlaste jeder, der zehn Kilometer mit dem Rad statt mit dem Pkw zurücklege, die Umwelt um ein Kilogrammm CO2.

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    Abriss von Häusern beim Bau von Radwegen nicht ausgeschlossen

    Doch nur ein überzeugendes Radkonzept könne zum dauerhaften Umstieg bewegen: "Wir wollen das ultimativ gute Raderlebnis schaffen", so Anders Røhl. Dazu müsse und werde man den Rad- vom Autoverkehr trennen. Wesentliches Element dazu sind die Rad-"Highways", die an erster Stelle der neuen Kopenhagener Verkehrspolitik stehen.

    Insgesamt sollen 300 Kilometer "Super-Radwege" entstehen, die von den Außenbezirken und umliegenden Gemeinden der Øresundmetropole über je etwa 15 Kilometer ins Zentrum führen. Dieses A-Netz soll höchste Qualität für Radfahrer bieten. Die Tangenten sollen direkt sein – auch ein Abriss von Häusern sei beim Bau nicht augeschlossen, so Røhl: "Das macht man beim Bau von Autostraßen ja auch."

    Hinter der einstimmig im Kopenhagener Stadtrat beschlossenen Radstrategie 2025 steht ein Vier-Punkte-Prinzip. Erstens, sagt Anders Røhl, wolle und könne man so das Stadtleben verbessern. Mehr Rad- statt Autoverkehr erhöhe die Atmosphäre einer Weltstadt deutlich. Dazu müsse aber, so Punkt zwei, in den Komfort für radelnde Pendler investiert werden. So werden alle neuen Kopenhagener Radwege durchgängig asphaltiert und im Winter von Schnee geräumt. Zusätzlich soll die Anzahl der Radparkplätze, auch auf Kosten der Autos, erhöht werden.

    Dritter Punkt sei die Geschwindigkeit: Man müsse schnell von A nach B kommen können. "Schon jetzt nehmen viele Kopenhagener das Rad, weil dies am schnellsten geht", weiß der Leiter der zentralen Rad-Planungsstelle im Kopenhagener Rathaus. Darum sollen auch die neuen Rad-"Autobahnen" breit sein und mindestens zwei, vielleicht sogar drei Spuren zum problemlosen Überholen besitzen.

    Letzter Punkt sei die spürbare Erhöhung der Sicherheit, für Kinder, aber auch für erwachsene Radfahrer durch die Trennung der Verkehre und andere Maßnahmen. Umfragen zufolge fühlten sich 67 Prozent der Kopenhagener Radler sicher im Straßenverkehr, dennoch dürfen beispielsweise viele Schulkinder nicht allein auf zwei Rädern unterwegs sein. "Hier müssen wir ansetzen", weiß Røhl, "denn wenn Kinder sich nicht auf die Radwege trauen, läuft etwas grundsätzlich falsch."

    300 Kilometer Superradwege kosten weniger als ein Kilometer neue Metro

    Noch ist Kopenhagens neue Radstrategie eine Vision. Eine Vision, die teuer, letztlich zu teuer ist? Der kreative Macher kontert mit einer ebenso überraschenden wie überzeugenden Zahl, mit der er bereits viele heimische Zweifler auf seine Seite gezogen hat: "Unsere Idee ist bezahlbar. Die optimale Lösung für unsere Superradwege kostet rund 900 Mio. dänische Kronen (ca. 121 Mio. Euro) – und damit weniger als ein Kilometer neue Metro." Eine Anspielung auf das größte Bauvorhaben, in dessen Rahmen bis 2018 an einem 16 Kilometer langen neuen U-Bahn-Cityring für die dänische Hauptstadt gebaut wird.

    Die nachhaltige Rad-"Welthauptstadt" Kopenhagen kommt, die ersten Schritte sind jedenfalls bereits gemacht: Beschlossen hat das Stadtparlament den Bau der "Albertslundroute" zwischen Vorort und Innenstadt – der erste Cykelsupersti. Die einst wichtige Einfallstraße Nørrebrogade wurde für den Autoverkehr geschlossen, verkehrsberuhigt und gehört nun Fußgängern und Radfahrern. Eine neue Fahrradbrücke von der City am Shoppingcenter Fisketorvet über den Hafen hinweg nach Amager wird gerade gebaut. Und bewilligt wurde schon im vergangenen Jahr Geld für die Anlage einer Pendler-Radroute durchs neue Quartier Nordhavn. Anstrengungen, mit denen Kopenhagen im Königreich Vorbild sein möchte für andere Großstädte wie Aarhus, Aalborg und Odense. Aber auch international soll die Vorreiterrolle sein, findet Røhl: "Wir wollen unsere Ideen mit der ganzen Welt teilen."

    Radland Dänemark (c) visitdenmark.com

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    Copenhagencyclechic.com

    Dänemarks größter Fahrradclub begrüßt die neue Strategie, stellt gleichzeitig aber einige kritische Fragen. Frits Bredal vom Dansk Cyklist Forbund, der landesweit 17.000 Mitglieder repräsentiert, davon 3.500 in Kopenhagen: "Den Radleranteil von 35 auf 50 Prozent zu erhöhen ist positiv, aber auch ambitiös. Darum wurde das Ziel ja auch um zehn Jahre auf jetzt 2025 in die Zukunft verschoben." Man könne es erreichen, müsse dazu aber schon heute konkretere Detailpläne vorlegen. "Uns fehlen Fahrradparkplätze, besonders am Hauptbahnhof und am Bahnhof Nørrebro." Hier sei das Tempo viel zu niedrig. Darüber hinaus müsse parallel zur Anhebung des Rad- der Autoverkehr in Kopenhagen spürbar gesenkt werden.

    Cityreisende, die Kopenhagen heute besuchen, erleben die größte Stadt anders – sie wähnen sich im Traumland für Radfahrer. Überall sieht man fröhliche Biker rollen, trendy gekleidet vom Schuh bis zum Helm. Die Szene boomt, festgehalten von der Trendsetter-Homepage www.copenhagencyclechic.com, die besonders von den einmaligen Fotos des Dänen Mikael Colville-Andersen lebt. Kopenhagen-Gäste rollen leicht mit: Überall in der Innenstadt verteilt stehen 2.000 Stadtfahrräder zur kostenlosen Tour bereit. Die dänisch Bycykel genannten bunten Transportmittel, die in Kürze von moderneren Nachfolgern abgelöst werden sollen, löst man wie einen Einkaufswagen im Supermarkt gegen ein Pfand von 20 Kronen aus, das man bei der Rückgabe zurückerhält.

    Das Konzept der Kopenhagener "Bycykler" klingt so zeitgemäß, als wäre es gerade erfunden – doch die ersten 1.000 Citybikes fuhren schon 1995 durch die Stadt mit Weitblick. Setzte Kopenhagen schon "damals" klare Zeichen in Sachen Nachhaltigkeit beim Verkehr, bleibt es spannend zu sehen, wie schnell das neue Konzept der Radstrategie 2025 Wirklichkeit wird. Die Macher sehen ihre Visionen jedenfalls als sinnvolle, vernünftige Investition für Stadt und Menschen. Anders Røhl: "Ein Rad ist leise, gut für die Stadt – und gesund ist Radfahren auch noch."

    Mehr Information

     Zur Radpolitik der Stadt Kopenhagen: www.kk.dk/Borger/ByOgTrafik/CyklernesBy/VidenogTal/Publikationer.aspx sowie unter www.cykelsuperstier.dk

    Mehr zur Politik des dänischen Radclubs Dansk Cyklist Forbund unter www.dcf.dk

    Kopenhagens neue Metro: www.m.dk/Cityringen.aspx

    Die neuesten Trends und Styles von Kopenhagens Bikerinnen und Bikern: www.copenhagencyclechic.com

    Mehr zum Reiseziel Kopenhagen unter www.visitcopenhagen.com

    Mehr zum Radurlaub in Dänemark unter www.visitdenmark.com/radfahren

     
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