Graubünden

    Nietzsche läßt grüßen - Sommertage in Sils

    Wieder ein Mal bestätigt sich unsere Erfahrung: Um das Besondere zu entdecken, müssen

    wir abbiegen. Die Engadiner Hauptstraße schlängelt sich an den Oberengadiner Seen entlang und bietet immer wieder atemberaubende Blicke auf die Bergkette des Corvatsch , die sich  im stillen Wasser spiegelt, als müsse sie ihre Erhabenheit gleich zweimal darstellen. Es sind heute recht viele Autos, die den Weg von St. Moritz über den Maloja in den Süden suchen. Am Kreisverkehr

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     Wolken am Silser See/Engadin © gp-image Gottfried Pattermann

    zwischen dem See von Silvaplana und dem Silser See weist uns das Schild nach Sils-Maria, wir lassen die Karawane hinter uns. Die kurze Straße führt direkt zur gemeindlichen Parkgarage, wo auch wir unser Gefährt abstellen. Sils ist weitgehend autofrei und, so stellen wir bei unserem ersten Spaziergang fest, auch weitgehend parkplatzfrei. Nur die wenigen Hotels bieten Parkmöglichkeiten für ihre Gäste an. Das Zentrum des Dorfes ist der Platz vor dem Rathaus. Die Häuser sind im Stil des Engadin erbaut und zeigen immer wieder Verzierungen im Sgraffito-Stil. Tische und Stühle laden zu einer Pause ein, einer Einladung, die wir nicht widerstehen können. Bei einem Glas Bündner Weins denken wir uns zurück in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Statt Automotoren dominierten damals wohl das Wiehern der Pferde, es gab nur wenige Hotels - der Baedeker Schweiz von 1907 nennt gerade mal drei Häuser: Hotel Barblan, das Hotel Alpenrose, das das erste Hotel in Sils Maria war und heute ein Appartementhaus ist und das Hotel Edelweiss , das schon 1876 erbaut worden war. Ruhig und still, aber schön war es zu dieser Zeit in Sils, das in alter Zeit eine Meierei auf dem Weg zwischen Maloja und St. Moritz war. Diese Ruhe und Stille suchte auch Friedrich Nietzsche, der Professor aus Basel, in Sils. Er quartierte sich für wenige Franken in einem kleinen Haus neben dem Hotel Edelweiss ein und verbrachte 1881 den ganzen Sommer in Sils. Es gefiel ihm dort so gut, dass er 1883 wieder kam und die folgenden sechs Jahre die Sommermonate in Sils verbrachte. Das kleine Haus, in dem er wohnte, ist heute Forschungsstätte und Museum. Gerne wanderte er entlang des Silser Sees zur Halbinsel Chasté und ließ sich inspirieren; Teile des Stückes „Also sprach Zarathustra“ entstanden hier in Sils.
    Auch wir wandern über die Wiesen hinüber zum See und den kleinen Weg auf die Halbinsel Chasté, die einmal eine Burg trug. Auf den Moorwiesen sehen wir ganze Teppich von Blüten in allen Farben und Formen. Der Wald nimmt uns auf, der Weg führt jetzt direkt am Ufer entlang bis zur Stelle, die Nietzsche so liebte, ein Stein markiert den Ort. Eine Bank lädt uns zum Sitzen  ein und die ganze Pracht des Piz Corvatsch und seiner Nachbarn liegt vor uns. Ist es der besondere Platz, ist es die grandiose Landschaft oder ist hier ein besonderer Kraftplatz? Irgend etwas ist besonders an diesem Ort, an dem die Gedanken wandern. Ein kleines Schiffchen bringt uns quer über den See nach Maloja, am  südwestlichen Ende des Silser Sees. Berge, Wolken und Sonne veranstalten ein Schauspiel, das es wohl nur hier im Engadin zu bestaunen gibt: Die Wolken treiben über Berge, verhüllen die Gipfel, lösen sich auf; der See glitzert wie ein mit Diamanten übersäter blauer Samt. Auf dem alten Saumweg, der über Isola am südlichen Ufer entlang führt, wandern wir zurück nach Sils. Die Glocken der Kirche rufen zur Abendmesse, der sonst so geschäftige Platz ist still und verlassen, nur der Flexbach rauscht sein stetiges Lied.
    Als wir später im Jahr noch einmal wieder kommen, im November, wenn die Tage klar, die Luft besonders rein ist und die Lärchen im herbstlichen Gelb glühen, spüren wir immer noch den besonderen Zauber, der diesen Ort umgibt. Die Berge sind schon mit dem ersten Schnee überzuckert, die Wiesen und Almen sind braun geworden. Es still geworden im Engadin, zwischen der Sommer- und Wintersaison. Doch der Zauber der Landschaft ist immer noch spürbar vielleicht sogar mehr als im Sommer...


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