Friaul - Julisch-Venetien

    Frühling im Friaul

    Frühling im Friaul (c) G.Pattermann

    Der Kirschbaum steht in voller Blüte, Bienen summen und sammeln den ersten Nektar

    des Jahres und die Sonne hat die Luft auf angenehme 25 Grad erwärmt. Es ist Frühling in Grado. Maria Bottacci, Besitzerin der Villa Flora, einem kleinen Hotel an der Uferpromenade, steht in der Küche und bereitet Ravioli zu. Jetzt, nach Ostern, hat sie noch die Zeit, den Teig und die Füllung selbst zuzubereiten. Und auch das Ossobucco ist beste italienische Familienküche.

    Doch nicht nur kulinarische Höhepunkte sind es, die hier an der nördlichen Adriaküste einen Besuch lohnen. Der Dom von Grado geht auf einen Bau aus dem 4. Jahrhundert nach Chr. zurück und ist eine der ältesten Kirchenbauten im nordöstlichen Italien. Daneben steht eine achteckige Taufkirche, die ebenfalls aus dieser Epoche stammt. Im Inneren dieser Kapelle sticht die  vollendete Zimmermannsarbeit des offenen Dachstuhl ins Auge, in vollkommener Symmetrie. Doch nicht nur Kirchen sind in Grado sehenswert. Die Altstadt von Grado ist ein Gewirr von kleinen Straßen, die Häuser der Fischer oft krumm und verwinkelt, über all ranken Blumen in die Höhe und geben mit ihren Blüten dem Alten einen Hauch von Neubeginn. Immer wieder öffnen sich kleine Plätze zwischen den Häusern. Hier lebt die Stadt, Kinder toben zwischen den abgestellten Autos, oder ein kleines Ristorante hat Stühle und Tische aufgestellt und lädt zu einer Pause mit einem Espresso. Noch fehlen die Touristen als Gäste, es sitzen die Nachbarn hier und genießen die Sonne. Ruhe und Gelassenheit weht durch die Straßen, es ist die Ruhe vor dem Sturm der Hauptsaison.

    Langsam wiegt sich das mannshohe Schilf in der Dünung, der Wasserspiegel glitzert in der Sonne, ein Reiher stakst durch das seichte Wasser auf der Suche nach seinem Frühstück. Enten und Perlhühner schwimmen geschäftig umher und suchen ebenfalls Futter. Weiter draußen weitere Reiher, die gelassen nach Futter suchen. Immer wieder raschelt es im Schilf, im Fernglas ist schließlich ein Vogel beim Nestbau zu erkennen. Das Riserva Naturale della Valle Cavanate, nur ein paar Kilometer östlich von Grado, ist ein kleines Naturschutzgebiet an der Mündung des Primero, der aus der Ebene hier ins Meer fließt. Vom Meer führt die Straße schnurgerade nach Norden, den Bergen zu. Hinter einer Kreuzung erhebt sich, noch versteckt durch Bäume, ein schlanker Kirchturm. Es ist der Dom in Aquilea, das 5 Kilometer nördlich von Grado liegt. Aquilea war zu römischer Zeit ein wichtiger Handelsort und Ausgangspunkt der Via Julia Augusta, die über Tarvisio den östlichen Alpenraum mit Italien verband. Durch den Natissonewar sie mit dem Meer verbunden. Das heutige kleine Flüsschen war damals, im 2. Jahrhundertt nach Christus eine bedeutende Wasserstrasse. Die Hafenanlagen wurden ausgegraben und können angesehen werden. Auch das ehemalige Forum ist noch zu sehen, ebenso die Grundmauern verschiedener Wohnhäuser. Das bedeutendste Bauwerk in Aquilea ist jedoch der frühmittelalterliche Dom. Der heutige Bau steht auf den Mauern einer noch älteren frühchristlichen Basilika, deren Mosaik-Fußboden noch heute zu sehen ist. Felder mit Tieren wechseln mit Pflanzengirlanden ab, dazwischen Bilder von Heiligen und Aposteln, Werk eines unbekannten Künstlers aus dem 3. und 4. Jahrhundert, als Aquilea Sitz eines christlichen Patriarchen war. In zwei sehr sehenswerten Museen werden die Fundstücke der verschiedene Epochen (römisch und frühchristlich) gezeigt. 

    Noch weiter nördlich, wo die ersten Hügel aus der Ebene emporsteigen und den Beginn der Alpen markieren, liegt San Danielle dell Friuli. Die kleine Stadt ist bekannt für den Prosciutto de San Danielle. Der luftgetrocknete rohe Schinken ist eine Spezialität, die von Feinschmeckern in ganz Europa geschätzt wird. Den zarten, luftgetrockneten Schinken ließen sich schon im Mittelalter Bischöfe und Prälaten auf der Zunge zergehen. Seinen unverwechselbaren Geschmack erhält er durch das besondere Klima im Ort, wechselnd feuchte und trockene Luft. Antonio, Schinkenkenner und Verkäufer in der Casa del  Prosciutto, bietet verschiedene Sorten zum Kosten an. Doch San Danielle bietet auch große Kunst. Die Renaissance-Fresken in der Kirche Sant'Antonio Abate sind allein schon einen Abstecher wert, weitere interessante Bauten sind das Rathaus, die Loggia und der Dom, die nach dem großen Erdbeben von 1976 wieder aufgebaut und restauriert wurden.

    Es ist durchaus verständlich, warum sich in dieser Landschaft die langobardischen Krieger, die aus dem Norden nach Oberitalien zogen, so wohl fühlten, zwischen Hügeln und Fluss, zwischen Wald und Wasser.

    Steht man an der 20 Meter hohen Teufelsbrücke über die Schlucht des Natisone, so baut sich die Stadt wie eine Festung auf, die grauen Campanili ragen wie Festungstürme auf, und die alten Gassen, die hier „strette“ heißen, liegen in tiefen Schatten. Vom langobardischen Civitas Forum Julii leitet sich der heutige Stadtnamen ab: Cividale del Friuli. Im 6. Jahrhundert machten die Langobarden Cividale zur Hauptstadt und statteten sie mit prächtigen Bauten aus. Weniges blieb erhalten, doch der Tempietto Langobardo ist in seiner ganzen Schönheit erhalten geblieben. Ganz am Steilufer des Narone als Kapelle eines Frauenklosters zu Beginn des 5. Jhd errichtet, erhielt die kleine Kirche im 6. Jhd eine Stuckausstattung, die sich bis heute erhalten hat. An der Westwand sind 6 engelsgleiche Gestalten mit Heiligenschein zu sehen. Die Figuren im Halbrelief sind sehr fein gearbeitet.

    Der Weg zurück ist kurz. Es bleibt noch Zeit, in Grado über den Lungomare zu bummeln, als Fußgängerzone die gute Stube von Grado. Vor dem Cafe Signelli stehen schon Stühle und Tische und laden zum Verweilen auf einen Espresso. Umberto, Besitzer der  Eisdiele Venezia, bietet schon 20 Sorten an, frisch und köstlich jede einzelne. Im Sommer, wenn Saison ist und viele Gäste die Altstadt besuchen, hat er dann 40 Sorten im Angebot. Aus einer Seitengasse duftet es nach Thymian und Parmesankäse. Ein kleiner Platz öffnet sich, darauf Tische und Bänke vor einem Restaurant. Kinder wuseln durcheinander, die Erwachsenen, oft 3 Generationen an einem Tisch, lassen sich nicht stören in ihren lautstarken Unterhaltungen. Italienisches Familienleben pur. Francesco Bertole, der Koch, bietet auf einer Tafel 3 Gerichte an, die in keinem Sprachführer auftauchen, aber sorgfältig zubereitet sind und köstlich schmecken. Dazu bringt er einen trockenen Rotwein aus der Region, den er selbst auch trinkt. Es ist dunkel geworden, und ein wenig kühl. Ein Spaziergang entlang des Strandes tut nach dem ausgiebigen Essen gut. Das Meer funkelt einladend, ja verführerisch im Licht des Mondes, noch ist es aber zu kalt. In der Villa Flora ist schon alles dunkel, nur der Kirschbaum steht da in seiner Blütenpracht und wartet auf die fleißigen Bienen.

     

     

     

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