Südtirol

    Feldthurner Bergwoche

    Die weiten Almen auf den Bergen hoch über Klausen im Eisacktal ist der Schauplatz für ein Spektakel der besonderen Art: der Feldthurner Bergwoche.
    Es ist ein Freitag im August, sechs Uhr in der Frühe, Nebelschwaden steigen vom Tal herauf. Auf einer weiten Lichtung im Wald steht ein wettergegerbtes Holzkreuz - das Garner Wetterkreuz. Es wacht seit Jahrhunderten über dem Tal und soll böse Wetter bannen. Seltsame Gestalten haben sich rund um das Kreuz versammelt, angetan mit auffällig blauen Schürzen, die mit Sensen, Heugabeln und Holzrechen bewaffnet sind. Zwischen den Frauen und Männern in Südtiroler

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    Feldthurner Bergwoche © gp-image - Gottfried Pattermann

    Tracht, in rot-blauem Dirndl oder mit kurzer Lederhose und weißem Leinenhemd, kreist ein Flasche Rotwein. Versammelt sich hier wieder der Südtiroler Landsturm, um gegen einen Feind aus der Ferne zu kämpfen?
    Ganz so dramatisch ist es nicht, wenn auch eine alte Tradition wiederbelebt wurde. Auf der weiten Almenlandschaft oberhalb von Klausen, der Kühbergalm, wird seit Jahrhunderten das Heu für den Winter eingebracht. Doch auf den Südtiroler Bergen hielt der Fortschritt Einzug, die Wiesen werden heute mit dem Traktor gemäht und das Heu ganz modern in die überall so bekannten Rundballen gepresst. Doch bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein geschah dies noch mit Sense und Rechen. Diese Tradition galt es wiederzubeleben, als Zeitsprung in die gute alte Zeit, in der ja angeblich alles besser war.
    Der Treffpunkt für alle Teilnehmer war ein Wanderparkplatz, der auf rund 1400 Meter Höhe liegt. Von dort aus begann der Aufstieg zur Glanger Kas-Alm auf 1960 Meter über dem Meer. Der Forstweg zieht steil empor, das Marschtempo ist dennoch recht rasant; und schon nach einer  guten Stunde ist die erste Hälfte des Weges geschafft, das Wetterkreuz ist erreicht. Dann bleibt der Wald hinter uns und öffnet den Blick auf die weiten Almen. Seit Jahrhunderten grasen hier Rinder und werden die Wiesen gemäht, um für den langen, harten Winter genügend Heu in der Scheune, südtirolerisch Schupf‘n genannt, zu haben. Bergsteigen macht hungrig und so versammeln sich zu nächst einmal alle um den langen Tisch, um bei einem typischen Almfrühstück wieder zu Kräften zu kommen: „Warme Milch mit Brocken“.
    Die meisten von uns sitzen noch um den Tisch, als von draußen kurze, schnelle Schläge auf Eisen zu hören sind. Es ist das Sensen-Dengeln. Dabei wird die Schneide des Sense ganz dünn geschlagen, damit sie scharf wird und das Gras leichter schneidet, der Wetzstein, den jeder Moder (Mäher) bei sich trägt, gibt ihr dann immer wieder die letzte Schärfe. Und weil die nicht sehr länge hält, wird das Mähen immer wieder unterbrochen, der Wetzstein hervorgeholt und die Sense wieder geschliffen.
    Singend durchschneidet die Sense das hohe Gras, spielend leicht sieht das aus. Jeder Bogen befördert das geschnittene Gras auf die Seite, einen Schritt vor und wieder ein Bogen. Gleichmäßig wie Puppen an der Schnur, jeder einen Schritt nur vom anderen entfernt, zieht eine Gruppe Mäher ihre Bahn, dahinter die Rechner - Tschogger genannt - die mit Rechen und Heugabel das geschnittene Gras verteilen. Dabei fällt mir ein Mann auf, er ist mit 82 Jahren der Älteste unter uns: der Hans vom Moserhof. Er gibt den Takt vor, er ist der schnellste von allen, auch die jüngeren müssen sich anstrengen, um mit zu halten. Er hat das Mähen mit der Sense schon als junger Bub gelernt, als es eben nichts anderes gab als Sense, Heugabel und hölzerne Rechen. Ich probiere es selbst aus, es sieht so leicht aus und ist dabei so schwer. Entweder ramme ich die Sense in den Boden oder ich erwische immer nur die Spitzen. Nein, das ist nichts für mich, gerne lasse ich wieder Hans weitermachen, der eh‘ schon Angst um seine Sense hatte.
    Arbeit macht hungrig, harte Arbeit sogar sehr hungrig. Nach zwei Stunden ist erst mal Pause angesagt, vor der Hütte ist ein langer Tisch vorbereitet. Es gibt ein typisches Almmittagessen: Plentene Knödl und Krautsalat, zu trinken gibt es, was die Natur so hergibt: klares Quellwasser und einen trockenen Wein. Plentene Knödl - das sind Knödel aus Buchweizenmehl, mit Speck oder Käse verfeinert und mit Butterschmalz übergossen. Deftige Kost, die aber Kraft bringt. Nach diesem Mahl breitet sich allgemeine Müdigkeit aus, die Spielkarten werden  hervorgeholt und eine Ziach (= Ziehharmonika). Mit Kartenspiel, Singen und Tanz vergeht die Pause recht schnell. Um 14.00 Uhr mahnt Christian Kerschbaumer, der Organisation der Bergwoche, zum Aufbruch, schließlich soll noch ein weiterer halber Hektar geschnitten werden. Also wieder raus auf die Wiesen, wieder schneiden singend die Sensen ins hohe Gras, wieder verteilen die Tschogger das Gras. Auch ich habe mit eine Heugabel geschnappt und helfe mit, dafür reicht meine „Technik“ doch noch aus. Wir sind fast fertig, als von Südwesten plötzlich schwarze Wolken aufziehen, dumpf rollt der Donner. Das Gewitter kommt, wie im Gebirge es oft passiert, sehr schnell, die ersten großen Tropfen fallen schon, als wir das schützende Dach der Kas-Alm erreichen. Das Gewitter ist bald wieder vorbei, die Wiesen dampfen und die Sonne kämpft sich langsam wieder durch die Wolken. Doch das sonnige Wetter ist erst mal vorbei. Leider. Denn heute Abend haben wir noch etwas vor. Nebel umgibt uns, als wir uns aufmachen, zum Radlsee aufzusteigen, gut 400 Höhenmeter liegen vor uns. Immer wieder erwähnt Christian Kerschbaumer die Landschaft, die ich eigentlich sehen würde, doch die Sichtweite beschränkt sind jetzt auf gut zehn Meter, es hat zu regnen begonnen. Als ich als Letzter endlich auf der Hütte am Radlsee angekommen bin, sitzen die anderen schon gemütlich am Tisch und genießen das erste Glas Wein. Die Kapelle spielt, es ist warm und gemütlich. Auf den Tisch kommen wieder „almgerechte Speisen: Muas aus der großen Pfanne, Rippelen und Bratl mit Erdäpfe, Knodl, Plenten Proter und saure Supp‘n. Danach wird musiziert, getanzt und sich unterhalten. Keiner will aufhören, erst als die Uhr Mitternacht schlägt und der Wirt ein Machtwort spricht, brechen wir auf. Wir müssen ja noch eine Stunde absteigen, wieder hinter zur Glanger-Alm. Zwischenzeitlich hat sich das Regenwetter verzogen und der Vollmond leuchtet am Himmel, die tiefen Wolken erscheinen wie blaugefärbte Watte, die Dolomiten, von den Geislerspitzen über den Langkofel bis hinüber zum Latemar, heben sich dunkel gegen den hellen Himmel ab. So haben wir genug Licht für den Abstieg, der Schwung kommt wohl vom guten Wein. Unten erwartet uns ein Schupf‘n voll Heu, in dem wir es uns gemütlich machen...

     


     

    Die vollständige Reportage Feldthurner Bergwoche  lesen Sie in Heft 6.2014. Verpasst? Hier können Sie die Online-Ausgabe herunterladen - einfach und bequem!

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